Wo ist Müslüm?

Tanz totalDas Ziel war klar. Wir wollten in Istanbul Bauchtanz sehen, orientalische Stimmung erleben. Aber nicht mit Schweizern, Deutschen und Amerikanern am Tisch sitzen. Nicht das ich etwas gegen meine Landsleute habe, aber den Bellydance wünschte ich mir lieber mit Türken anzusehen. So fragten wir eine, die es wissen muss: Miriam Bektas Cankaya. Sie riet uns im Nomads Plätze zu reservieren, und reichte Müslüm ihr iPhone. „Reservierst du meinen Schweizer Landsleuten einen Tisch?“, sagte sie ihm auf türkisch. Müslüm strahlte, tippte eine Nummern ins Display, bellte einige Worte ins Telefon, buchstabierte „Martin“ und strahlte, zeigte mit dem Daumen nach oben. „Geklappt“, übersetzte Miriam. „Ohne Müslüm hätte ihr kaum Plätze bekommen. Das Nomads ist ständig ausgebucht. Aber Müslüm tritt dort auf. Er freut sich sehr, dass ihr kommt.“

Wir freuten uns auch. Im tröpfelnden Regen standen wir dann am Samstagabend an der Gallatabrücke und stoppten ein Taxi. Das ging schneller als erwartet. Schwieriger wurde dann, dem Fahrer zu sagen, wo wir hinwollten. „Nomads“. Er verstand nur Bahnhof. Zweiter Versuch: „Ortaköy“. Jetzt nickte er und fuhr los. Im Schritttempo. Nicht, dass er ein mieser Fahrer gewesen wäre. Nein. Seine Fahrkünste konnte er uns gar nicht beweisen. Auf zwei Spuren standen Autos, Busse, Motorräder vierspurig. Ein Gedränge, ein Gehupe. Flink wechselte unser Mann die Spur. Mal preschte er in der Mitte durch, mal schlich er links vorbei, mal zwängte er sich rechts rein. Die Scheiben beschlugen sich. Ich schwitzte. Unser Taxi arbeitete sich Meter um Meter vorwärts nach Ortaköy ins ehemalige Fischerdorf. Gut 45 Minuten dauerte die 6,8 Kilometer lange Fahrt.

Nomads_aussenMitten in Ortaköy, direkt unter der mächtigen Bosporus Hängebrücke, stiegen wir aus, bezahlten 23 Türkische Lira. Hanna fackelte nicht lange und quatschte gleich den erstbesten jungen Mann an. „Do you speak english?“ „No“, sagte er und verwies auf seine Freundin. „Where ist the Nomads-Restaurant?“, fragte Hanna und präzisierte gleich: „The Bellydance-Club“. Die Frau mit den wunderschönen langen Haaren schaute uns mit grossen Augen an. „Nomads?“, sagte sie und schüttelte den Kopf. Ein Polizist mischte sich ein. Lächelte übers ganze Gesicht und schüttelte ebenfalls den Kopf. „Nomads, no nomads.“ Ich murmelte ein “Tesekür ederim”, zeigte mein schönstes Martinlachen, packte Hanna sanft am Ellbogen. „Komm, wir finden das alleine. Es ist nach der Brücke. Auf der linken Seite. Komm.“

Und tatsächlich. Kurz nach der Brücke, ennet der vierspurigen Strasse erstrahlte ein moderner Bau. Die Fassade glänzte metallen im Schweinwerferlicht. Goldene Buchstaben verrieten uns, dass wir angekommen waren. NOMADS.

Wir spurteten über die vierspurige Strasse, passten auf, dass uns niemand überfuhr, stiegen einige Treppen hoch und wurden von strahlenden Menschen empfangen. „Merhaba. We heave a reservation. My Name ist Martin. I am a Friend of Müslüm …“. Weiter musste ich nicht reden. Die Dame strahlte, wie wenn sie uns erwartet hätte. “Merhaba”, sagte sie und reichte uns an einen stämmigen Mann weiter. Als der die Namen „Martin“ und „Müslüm“ hörte, war alles klar. Wir erhielten einen wunderschönen 2er-Tisch im ersten Stock mit perfektem Blick auf die Tanzfläche.

nomads_istanbul_clubIch kenne mich ja nicht aus in Clubs und war deshalb tief beeindruckt. Eine Wand erstrahlte im Licht von ca. 150 Nachttisch-Lämpchen. An der Decke hingen grosse Ampelleuchten, und über der Tanzfläche mächtige Discolampen. Musik wummerte und gleich drei, vier gut aussehende Kellner kümmerten sich um uns. Sie brachten Wasser, Raki, Weisswein. Junge Frauen stöckelten auf gut zwölf cm HighHeels vorbei, eine schöner als die andere. Eine jede hätte mit ihrer Haarpracht glatt einen L’Oréal-Contest gewonnen und gleichzeitig auch noch an einem Miss-Minirock-Wettbewerb teilnehmen können. Ihre jugendlichen Begleiter sahen aus wie leicht übergewichtige Buben, hatten wohl aber Väter mit Geld wie Heu. Die Kids feierten Geburtstag. Tranken Wein, gingen öfter raus, machten Rauchpausen und hielten ständig ein Handy am Ohr.

An anderen Tischen sassen schöne türkische Paare, einige der Frauen etwas fülliger. Männer mit jüngeren Begleiterinnen. Allesamt Beautys. Eine einzige Frau trug ein Kopftuch, sie zog den schwarzen langen Mantel nicht aus, als sie sich in die Ecke einer Bank  zwängte. Alle waren sie gut gelaunt, strahlten, schwatzen. Gläser klirrten. Korken knallten.

GeburtstagsfeierLangsam füllte sich der Club und auch auf unserem Tisch blieb immer weniger Platz. Gleich zu zweit trugen die Kellner, in der Türkei laut Reiseführer Garçon genannt,  Mezze-Plättchen auf. Woww. Bestimmt 16 verschiedene Gerichte. Dummerweise kam mir meine Erziehung in die Quere. „Man isst auf, was auf den Tisch kommt“, sagte meine Mutter jeweils, wenn ich die Peperoni partout nicht essen wollte. Dazu meldete sich die immerwährende Angst, es könnte am anderen Tag kein Brot mehr geben. Bald waren die meisten Schälchen ausgeputzt, der Brotkorb leer und ich eigentlich satt. Das war falsch. Ganz falsch.

Bellydance

Denn kurz darauf folgt ein Zwischengang mit Fleisch- und Gemüseköstlichkeiten. Ein Trommelwirbel kündigte dazu die erste Tanzeinlage an. Drei Grazien wirbelten in den Raum, liessen Haare und Schleier wehen, wackelten mit den Hüften, liessen ihre kleinen Füdlis erzittern.

Bei Wikipedia heisst das folgendermassen: … Grundsätzlich handelt es sich beim orientalischen Tanz um einen Tanzstil mit isolierten Bewegungen der einzelnen Körperregionen. Vor allem beim Shimmy, dem rhythmischen, isolierten Zittern der Hüften oder anderer Körperteile (etwa des Pos die Redaktion), ist die gekonnte Isolation der Tänzerin sehr deutlich zu sehen. Der Shimmy kann in unterschiedlicher Intensität gezeigt werden. Je besser die Isolation beim Shimmy trainiert ist, desto bewegungsfreier wird das Tanzacessoire balanciert. Als Nebeneffekt des Shimmy, werden die auf dem Bauchtanzkostüm (vor allem an den Hüften und am Oberteil) angebrachten Verzierungen in Bewegung (bei Metallverzierungen auch zum klingen) gebracht. Der Shimmy setzt eine hohe Körperbeherrschung voraus, um ihn technisch einwandfrei zeigen zu können….

Tanzende_2Seggswieswell. Die Damen verstanden ihr Metier, waren überaus anmutig, hatten alle prächtige Haare, schlanke Taillen und immer einen kleinen Schleier vor dem Gesicht. Nun wechselten sich Tanzeinlagen ab. Auf die Profis folgten die Gäste und umgekeht. Auch Männer traten auf. Legten Solos aufs Parkett. Auf ihren Körpern glänzte der Schweiss und strahlten die Silberflitter.

Dazwischen servierten die Garçons den Hauptgang. Dafür war unser Tisch fast zu klein. Eine Platte mit Poulet- und Lammstücken, eine Schale mit Salat, eine weitere Platte mit überbackenen Teigtaschen, im Volksmund Ravioli genannt ,sowie drei Schälchen mit Gemüse. Und natürlich einen frisch gefüllten Brotkorb. Diesmal ignorierte ich meine Leerfresser-Erziehung. Der Brotkorb blieb gefüllt, die Salatschüssel liess ich links liegen und auch die Gemüseschälchen würdigte ich keines Blickes. Ravioli ess ich eh nicht, dafür das probierte ich. Super.

Auf der Tanzfläche wirbelten wieder Schönheiten, die Stimmung wurde immer ausgelassener und ich fragte mich, wo ist Müslüm? Der Mann, der mich mitten in der Stadt so herzlich umarmte, der Mann der kein Wort Englisch spricht, der Mann der vor Energie zu explodieren scheint. Wo ist Müslüm?

Muesluem_totalEndlich brachten zwei Bedienstete einen Stuhl, einen Mikrofonständer und dann, dann sprang Müslüm auf die Bühne. Ganz in Weiss, barfuss. Die Haare streng nach hintengekämmt und zusammen gebunden. Einen, oder zwei Finger der rechten Hand hatte er getapte. Er schaute nach oben, entdeckte uns, strahlte übers ganze Gesicht und warf uns Kusshände zu.

Muesluem_1Dann liess er seine Hände wirbeln. Er variierte das Tempo und die Lautstärke. Die Töne waren hoch, tief, langsam und rasend schnell. Mit den Handflächen schuf Müslüm dumpfe, stöhnende, klagende Klänge. Mit den Fingerkuppen entlockte er der Trommel laute, schnelle, kurze und fast schrille Töne. Seinen linken Fuss hatte er über das rechte Knie gelegt. Er zitterte unentwegt, klopfte einen rasend schnellen Takt.

Müslüm hatte die Augen geschlossen, seine Mimik wirkte hoch konzentriert, der Schweiss lief ihm übers Gesicht. Dann und wann tauschte er mit dem Discjockey Blicke, kommunizierte mit ihm wann und wie die Hintergrundmusik gesteuert werden soll.

Muesluem_shortIch war fasziniert. Wie lange der Auftritt dauerte, weiss ich nicht. Zum Schluss gabs tosenden Applaus. Müslüm verneigte sich, warf Kusshände ins Publikum und winkte Hanna oben im ersten Stock zu. Dann umarmte er mich neben der Türe, küsste mich, küsste eine gross gewachsene Frau neben mir. Drückt mir die Hände und freut sich wie ein Kind über den Applaus und meine Komplimente. Dann stürmte er schweissnass in die Garderobe.

Dieser Auftritt war für mich der absolute Höhepunkt im Nomads. Die jungen Frauen schafften es durchaus, mich mit ihren Tanzeinlagen zu begeistern, aber das wars dann auch. Schade konnten wir Miriams Freundin Bahar nicht sehen. Sie sei die Beste – aber krank, hiess es.

Um zwölf beglich Hanna die Zeche. 380 Türkische Lira. Alles inbegriffen. Wir traten den Heimweg an. Diesmal konnte uns der Taxifahrer beweisen, dass am Bosporus auch Rennfahrer leben. Mit über 100 km/h blochte er die Strasse am Meer entlang zur Gallatabrücke. Dann hiess es für uns noch weit über 100 Treppenstufen steigen, bis wir endlich oben in der Dachwohnung ankamen. Vollgefressen waren wir, erfüllt von orientalischer Musik und einer zauberhaften Atmosphäre.
Mehr über Müslüm, seine Musik, seine Freundinnen und Freunde, sein Istanbul: http://muslumdoner.com/ (leider nur in türkisch)
Müslüm und Bahar Sahra bei Youtube. http://www.youtube.com/watch?v=ORHDkqcYeos

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